OHM Rohrwerk

PE-Werkstoffklassen: PE 80, PE 100 und PE 100-RC

Kurzbeschreibung

Im Rohrleitungsbau werden Polyethylen-Werkstoffe in Klassen wie PE 80, PE 100 oder PE 100-RC eingeteilt. Diese Klassenbezeichnungen beruhen auf der Mindestfestigkeit des Werkstoffs unter genormten Langzeitbedingungen und bilden die Grundlage für die drucktechnische Einordnung von Rohrreihen.

Warum das Thema in der Praxis relevant ist

Die Werkstoffklasse bestimmt maßgeblich, welche Druckstufen mit einer bestimmten Wanddicke erreichbar sind. Wer die Systematik hinter PE 80 und PE 100 versteht, kann die Zuordnung von SDR-Werten zu Druckstufen besser nachvollziehen und erkennt, warum gleiche Geometrien in verschiedenen Werkstoffklassen unterschiedlich belastbar sind.

Darüber hinaus ist die Werkstoffklasse ein Auswahlkriterium, das sich auf Schweißbarkeit, mechanisches Verhalten und die Eignung für bestimmte Verlegeverfahren auswirkt.

Technische Grundprinzipien

Klassifizierungslogik

Die Zahl in der Werkstoffbezeichnung leitet sich aus der sogenannten Mindest-Zeitstandfestigkeit (MRS – Minimum Required Strength) ab. Dabei wird das Langzeitverhalten des Werkstoffs unter genormten Prüfbedingungen bewertet und einer Festigkeitsklasse zugeordnet:

  • PE 80 steht für eine Mindest-Zeitstandfestigkeit von 8,0 MPa,
  • PE 100 steht für eine Mindest-Zeitstandfestigkeit von 10,0 MPa.

Aus dieser Klassifizierung ergibt sich, dass ein PE-100-Werkstoff bei gleicher Wanddicke eine höhere Druckstufe erreicht als ein PE-80-Werkstoff – oder bei gleicher Druckstufe mit geringerer Wanddicke auskommt.

PE 100-RC

Die Bezeichnung PE 100-RC kennzeichnet Werkstoffe, die zusätzlich zur Grundklassifizierung als PE 100 eine erhöhte Widerstandsfähigkeit gegen langsame Rissausbreitung (Slow Crack Growth) aufweisen. Diese Eigenschaft ist in der Praxis insbesondere relevant für:

  • Verlegeverfahren mit erhöhter mechanischer Beanspruchung der Rohroberfläche,
  • grabenlose Einbauverfahren,
  • Einsatzfälle mit steinigen oder rauen Bettungsbedingungen.

Die Bezeichnung RC steht dabei nicht für eine eigene Festigkeitsklasse, sondern für eine ergänzende Qualifizierung innerhalb der Klasse PE 100.

Zusammenhang mit SDR und Druckstufe

Die Kombination aus Werkstoffklasse und SDR-Wert bestimmt die nominelle Druckstufe eines Rohres bei Referenztemperatur. Dieser Zusammenhang ist werkstoffabhängig: Ein Rohr mit SDR 11 aus PE 100 wird einer höheren Druckstufe zugeordnet als ein Rohr mit SDR 11 aus PE 80.

Entscheidend ist dabei, dass die nominelle Druckstufe immer auf eine bestimmte Referenztemperatur und ein bestimmtes Medium bezogen ist. Bei abweichenden Temperaturen oder Medien verändert sich die zulässige Beanspruchung.

Typische Einflussgrößen und Randbedingungen

  • Temperatur: Die Zeitstandfestigkeit ist temperaturabhängig. Steigende Temperaturen führen zu geringerer zulässiger Beanspruchung, unabhängig von der Werkstoffklasse.
  • Medium: Die chemische Beanspruchung durch das transportierte Medium kann das Langzeitverhalten beeinflussen. Die Werkstoffklasse allein enthält keine medienspezifische Aussage.
  • Verlegeverfahren: Besonders bei grabenlosen Verfahren kann die Wahl der Werkstoffklasse und der RC-Qualifizierung relevant werden.
  • Fügeverfahren: Die Schweißparameter und die Eignung für bestimmte Fügeverfahren können sich zwischen Werkstoffklassen unterscheiden.
  • Systemkontext: Die Werkstoffklasse ist immer im Zusammenhang mit dem Gesamtsystem zu bewerten, nicht isoliert als Werkstoffeigenschaft.

Norm- und Regelwerkhinweise

Für die Einordnung von PE-Werkstoffklassen sind insbesondere relevant:

  • DIN EN 12201 für PE-Rohrleitungssysteme im Wasserbereich,
  • DIN EN 1555 für PE-Rohrleitungssysteme in der Gasversorgung,
  • DIN 8075 für allgemeine Anforderungen und Prüfverfahren,
  • einschlägige DVGW-Regelwerke für Planung, Bau und Betrieb,
  • PAS 1075 als technische Spezifikation für PE-Rohre mit erhöhter Rissbeständigkeit (RC).

Hinweis zur projektspezifischen Prüfung

Die Werkstoffklasse ist ein wesentlicher, aber nicht allein ausreichender Parameter für die Systemauswahl. Die Eignung für einen konkreten Einsatzfall ergibt sich immer aus dem Zusammenwirken von Werkstoff, Geometrie, Druckstufe, Temperatur, Medium, Verlegeverfahren und Regelwerkskontext. Für überschlägige Einordnungen können der SDR-Rechner und der Derating-Rechner genutzt werden.

Passende Berechnungstools

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