OHM Rohrwerk

Derating und Temperaturabminderung bei PE-Rohren

Kurzbeschreibung

Die nominelle Druckstufe eines PE-Rohres gilt für eine bestimmte Referenztemperatur – in der Regel 20 °C. Bei höheren Betriebstemperaturen sinkt die zulässige Dauerbelastung des Werkstoffs. Dieser Zusammenhang wird als Derating oder Temperaturabminderung bezeichnet und ist ein zentraler Bestandteil der Druckleitungsauslegung.

Warum das Thema in der Praxis relevant ist

In vielen Anwendungen liegen die Betriebstemperaturen oberhalb der Referenztemperatur – etwa bei Warmwasserverteilungen, industriellen Prozessleitungen oder solarthermischen Systemen. Die Nichtberücksichtigung der Temperaturabminderung kann zu einer Überschreitung der zulässigen Beanspruchung führen, ohne dass dies an der nominellen Druckstufe erkennbar wäre.

Ebenso kann ein korrektes Derating dazu führen, dass eine höhere SDR-Klasse oder ein anderer Werkstoff gewählt werden muss, um die geforderte Druckstufe bei gegebener Betriebstemperatur sicher zu erreichen.

Technische Grundprinzipien

Temperaturabhängigkeit der Zeitstandfestigkeit

Die Zeitstandfestigkeit thermoplastischer Werkstoffe nimmt mit steigender Temperatur ab. Die Langzeitkurve (Zeitstand-Innendruckdiagramm) verschiebt sich bei höheren Temperaturen nach unten, was eine geringere zulässige Spannung im Werkstoff bedeutet.

Diese Abhängigkeit ist werkstoffspezifisch und normativ dokumentiert. Die genauen Abminderungsfaktoren ergeben sich aus dem jeweiligen Normenwerk.

Abminderungsfaktoren

Die Temperaturabminderung wird durch Faktoren $f_T$ beschrieben, die auf die nominelle Druckstufe angewendet werden:

$$p_{zul}(T) = p_N \cdot f_T$$

Dabei ist:

  • $p_{zul}(T)$ die zulässige Betriebsdruckstufe bei Temperatur $T$,
  • $p_N$ die nominelle Druckstufe bei Referenztemperatur (typisch 20 °C),
  • $f_T$ der temperaturabhängige Abminderungsfaktor (mit $f_T \leq 1$ für $T > 20,°C$).

Die Faktoren sind in den einschlägigen Produktnormen tabellarisch angegeben und beziehen sich auf eine Lebensdauer von typisch 50 Jahren.

Zusammenwirken mit dem Sicherheitsbeiwert

Die nominelle Druckstufe enthält bereits normative Sicherheitszuschläge. Die Temperaturabminderung wird auf die nominelle Druckstufe angewendet, nicht auf die Bruchfestigkeit. Dadurch bleibt das Sicherheitsniveau im bestimmungsgemäßen Betrieb erhalten.

Typische Einflussgrößen und Randbedingungen

  • Betriebstemperatur: Der Haupteinflussparameter. Bereits moderate Temperaturerhöhungen können die zulässige Druckstufe deutlich reduzieren.
  • Werkstoffklasse: PE 80 und PE 100 haben unterschiedliche Deratingkurven. Die Abminderungsfaktoren sind nicht direkt übertragbar.
  • Medium: Die Norm-Deratingwerte gelten für Wasser. Bei anderen Medien können zusätzliche chemische Abminderungsfaktoren erforderlich sein.
  • Betriebsdauer: Die tabellierten Faktoren beziehen sich in der Regel auf eine Nutzungsdauer von 50 Jahren. Bei kürzeren Einsatzzeiten können andere Werte gelten.
  • Temperaturprofile: Bei schwankenden Betriebstemperaturen sind gemittelte oder gewichtete Temperaturprofile zu bewerten. Kurzzeitige Temperaturspitzen sind gesondert zu betrachten.
  • Kombinierte Belastung: Temperaturabminderung und mechanische Zusatzbelastungen (z. B. durch Erdlast oder Verkehrslast) wirken kumulativ.

Norm- und Regelwerkhinweise

Für die Anwendung von Derating-Faktoren sind insbesondere relevant:

  • DIN EN 12201 für Wasserversorgungssysteme aus PE (enthält tabellarische Abminderungsfaktoren),
  • DIN EN 1555 für Gasversorgungssysteme aus PE,
  • DIN 8075 für allgemeine Anwendungshinweise und Zeitstandkurven,
  • DVS-Richtlinien 2205 ff. für die rechnerische Auslegung thermoplastischer Rohrleitungen,
  • DVGW-Regelwerk für anwendungsbezogene Auslegungsvorgaben.

Hinweis zur projektspezifischen Prüfung

Die hier beschriebenen Zusammenhänge dienen der grundsätzlichen Einordnung des Derating-Prinzips. Die konkreten Abminderungsfaktoren, die zulässigen Temperaturprofile und die Kombinationsregeln für Mehrfachbelastungen sind projektspezifisch zu ermitteln und regelwerkskonform nachzuweisen. Der Derating-Rechner ermöglicht eine erste überschlägige Einordnung.

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